Wie jedes Jahr wurde am Schuljahresende der Schreibnachwuchs im Rahmen der sogenannten
„Bestenehrung“, geehrt, wobei es hier kein Lob für gute Noten, sondern für besonders gelungene Texte
gab.
Das Thema des diesjährigen Literaturwettbewerbs wurde heuer zum ersten Mal von einem Schüler
vorgeschlagen. M. Schneider (10b) brachte seine Idee ein und die Jury war sich einig, dass dies ein
geeigneter Vorschlag ist. Ähnlich wie im letzten Jahr (25 teilnehmende Schüler/-innen) nahmen heuer
21 Schülerinnen und Schüler teil. Das Thema Veränderung wurde auf sehr unterschiedliche Art und
Weise angegangen. Gravierende, lebensbedrohende Ereignisse wie Flucht oder Vertreibung waren
bewegende und berührende Motive, die zum Teil mutmachend, zum Teil aber auch in ihrer
fürchterlichen Perspektivlosigkeit dargestellt wurden. Darüber hinaus sind die lebensverändernden
Einflüsse durch Suchterkrankungen und der Umgang mit einer frühen Erblindung durch den Grauen
Star in ergreifende, sehr poetische Geschichten gepackt worden. Natürlich durfte auch das Thema
Digitalisierung und deren möglicher, zukünftiger Einfluss auf die Menschheit nicht fehlen, denn dabei
handelt es sich ganz sicher um eine der größten Veränderungen in der Geschichte der Menschheit. Dass
hier eher eine dystopische Geschichte herauskam, wundert einen nicht, wenngleich es am Schluss der
Geschichte doch noch Hoffnung gibt. Veränderungen wie ein Schulwechsel sind fast immer mit recht
gemischten Gefühlen verbunden, oft sind es aber auch einmalige Chancen, wie von Franziska Schmal
wunderschön erzählt, um beispielsweise Mobbing zu entkommen und einen Neustart zu wagen – eine
Botschaft, die Zuversicht und Mut vermittelt.
Prämiert wurden in diesem Schuljahr:
Unterstufe: 1. Platz: Elena Achilles (6c), 2. Platz: Quiri Harmann (6c), 3. Platz: Franziska Schmal (7d)
Mittelstufe: 1. Lara Spitzmüller (8a), 2. Platz: Aurelia Weber (9a), 3. Platz: Louisa van Hulzen, Emily
Liu, (9c)
Oberstufe: 1. Platz: Katharina Gebauer (Q 12), 2. Platz: Julia Wedding (11c), 3. Platz: Raphaela
Renardy (11b)
Alle prämierten Schülerinnen und Schüler erhielten Urkunden und Geldpreise, die der Förderverein des
Gymnasiums Bruckmühl gespendet hat. Ganz herzlichen Dank dafür! Der Siegertext Gebauer (Q 12)
sowie die beiden anderen Siegertexte von Elena Achilles (6c) und Lara Spitzmüller (8a) können hier
gelesen werden.
H. Gruber
Ich gehe die Straße entlang. Dieselbe wie jeden Tag. Morgens einmal zur Arbeit hin und am Nachmittag
wieder zurück. Ich sehe die gleichen Geschäfte, Häuser und Ampeln, alles wie immer. Immer dasselbe.
Dieselbe Sicherheit.
Ich bin inzwischen Experte für diese Straße, ich laufe sie schließlich schon seit zehn Jahren entlang.
Man könnte mich fragen, wie viele Menschen hier morgens hinuntereilen, wann der Verkehr am
Nachmittag so groß ist, dass sich ein kleiner Stau bildet, selbst unter welchen Dächern die Tauben nisten.
Ich weiß es. Denn es war schon immer so. Das ist gut. Das ist vorhersehbar. Das beruhigt mich.
Eine Beruhigung, die für mich unentbehrlich ist, denn die Arbeit sorgt Tag für Tag dafür, dass ich danach
dringend nach Hause möchte, um meine Batterien aufzuladen. Es ist nicht so, dass ich meine Arbeit
nicht liebe. Ich liebe Vieles daran. Zum Beispiel meinen eigenen Computer in meinem eigenen Büro, an
dem ich Texte vom Französischen ins Deutsche, vom Deutschen ins Italienische und vom Italienischen
ins Schwedische übersetze. Sprachen waren schon immer eine meiner großen Leidenschaften.
Dennoch habe ich das Gefühl, eine Maske aufsetzen zu müssen, jedes Mal, wenn jemand anderes mein
Büro betritt. Eine Maske, geschmiedet aus Floskeln und meinem imaginären Handbuch für
Gesprächssituationen, das ich durchblättern kann, wenn ich nicht weiß, wie ich mich verhalten soll.
Verhalten muss. Denn nur so kann ich die Welt durch ihre Augen sehen.
Wieso können sie die Welt nie aus meinen Augen betrachten?
Dabei können meine Kollegen eigentlich nichts dafür. Objektiv betrachtet sind sie nett.
Manche von ihnen sogar so nett, dass ich mich mit ihnen angefreundet habe. Es ist eher das Potpourri
aus der Situation und den Reizen und den Normen, die nicht meine zu sein scheinen, das mir wieder und
wieder die Kräfte raubt, sie aussaugt, wie Vampire und eine leere Batterie zurücklässt. Eine Batterie mit
sehr langer Ladedauer.
Und auch wenn mir die Maske – die ich lange lernen musste zu tragen – den Alltag sehr erleichtert, lastet
sie schwer auf meinem Gesicht und ich bin froh, wenn ich sie zuhause in die unterste Schublade
verbannen kann und mich nicht mehr dahinter verstecken muss.
Wie gut, dass ich gleich angekommen bin. Ich muss nur noch diese Flut an Reizen überwinden, dann ist
es geschafft. Die Motoren der Autos lärmen, ihre Reifen quietschen auf dem staubtrockenen Asphalt.
Fahrräder fahren vorbei, klingeln. Hunde bellen, die Vögel singen. Die Schritte der Menschen tönen
über den Gehweg und zu der ganzen Kakophonie gesellen sich auch noch ihre unendlich vielen
Gespräche, die alle gleichzeitig auf mein Gehirn einprasseln wollen. Weiß die ganze Welt eigentlich
nicht, wie laut sie ist?
Sie alle tragen verschiedenste Klamotten – pink, blau, rot, lila.
Die Ampeln. Ständig wechseln sie ihre Farben. Das Gelb jagt das Grün, wird verdrängt vom Rot, nur
um im nächsten Moment wieder durch Gelb ersetzt zu werden. Ein ewiges Hin und Her. Ewig und viel
zu schnell. Nachgeahmt werden sie durch die bunten Reklametafeln in den Schaufenstern. Leuchten,
blinken, an, aus, an, aus, an, aus. Sie scheinen nie müde zu werden.
So wach wie die Sonne, die ihre grellen Strahlen auch noch in das Spektakel werfen muss.
Zumindest ist es das gleiche Spektakel wie immer.
Dennoch bin ich froh, gleich zuhause zu sein. Wo es ruhig ist. Nur noch in 50 Metern rechts abbiegen
und die Straße nach oben, das zweite Haus auf der linken Seite. Dieselbe Straße wie immer.
So biege ich um die Ecke. Doch was ist das? Das war heute Morgen noch nicht da! Auch nicht gestern
oder vorgestern oder die Tage davor! Das ist anders als sonst. Eine Veränderung, die sich ungefragt auf
meine Straße gedrängt hat. Die meine Vertrautheit in Stücke schmettert!
Meine Sicherheit!
Eine gewaltige Baustelle versperrt mir den Weg. Bestückt durch orange Baustellenfahrzeuge, mit
Schaufeln, Gabeln, Betonmischern. Durch rotweiße Absperrungen und rotweiße Schilder, die nur eins
schreien: „Du kommst hier nicht vorbei!“ Durch Männer in weißen Helmen und blauer Arbeitskleidung,
die dabei sind, einen ohrenbetäubenden Presslufthammer in den Asphalt zu jagen. Meinen Asphalt. Den
Asphalt, der schon immer da war. Der noch nie anders war. Den ich kenne. Mein Herz rast, es scheint
mit dem Tempo des Presslufthammers mithalten zu wollen. Bum, bum, bum, bum, bum. Es wummert.
Überall. Um mich herum und in mir drinnen. Das war nicht vorhergesehen. Meine Gedanken springen durch meinen Kopf, wie die kleinen Kiesel auf der Baustelle. Wieso habe ich nichts davon
mitbekommen? Wieso stand nichts in der Zeitung? Nichts auf den Reklametafeln, die sich doch sonst
noch nie geniert haben, alles anzukündigen, egal ob es jemanden interessiert oder nicht? Dann hätte ich
mich wenigstens darauf vorbereiten können! Was jetzt tun? Wo lang? Es wirbelt alles so wild in meinem
Kopf durcheinander, er scheint explodieren zu wollen. Meine Hände beginnen zu zittern.
Wie komme ich nach Hause? Es ist zu viel um mich herum. Vor mir die Baustelle. Ein gewaltiges
Monster, das sich vor mir auftürmt und mit seiner Lautstärke mein Trommelfell sprengen möchte. Um
mich herum so viele Menschen, die mich anstarren. In ihren bunten Kleidern. Mit ihren lauten Schritten.
Wie soll ich weitermachen? Zu viel, zu viel, alles zu viel.
Ich komm nicht hinterher.
Ich bin mir nicht mehr sicher, wie ich nach Hause gekommen bin. Ich scheine endlos durch ein Labyrinth
aus Straßen geirrt zu sein, im Nachhinein kann ich es nicht mehr genau beschreiben.
Doch jetzt sitze ich in meinem Sessel, mit meinem Samtbezug, bei dem ich mich darauf verlassen kann,
dass er sich angenehm weich auf meiner Haut anfühlt. So wie immer. Mein Safespace. Ich muss hier
schon Stunden sitzen, doch es dauert nun mal, bis ich mich wieder beruhige und aufnahmefähig werde.
Ist es nicht ungerecht, dass andere so sorglos durch solche Situationen gehen können, während ich eine
Ewigkeit brauche, bis die Energie wieder in meinen Körper zurückfließt? Und während sie, ohne sich
durch die Baustelle stören zu lassen, ihren Weg fortsetzen, finden sie sogar noch die Zeit, mich mit ihren
Blicken zu löchern. Ich weiß, was sie denken, schließlich haben sie es schon oft genug ausgesprochen.
Sie verstehen nicht, was in diesen Situationen – denn es gibt verschiedene und nicht wenige davon, in
denen mein Verhalten nicht der Norm entspricht – passiert. Sie verstehen nicht, dass ich die Welt anders
verstehe. Also fangen ihre Köpfe an, wie ein unermüdliches Fließband in einer Fabrik, die 24 Stunden
lang geöffnet hat, Vermutungen darüber anzustellen. Mit anderen Worten: Es stellt sich eine
Massenproduktion an Klischees und Vorwürfen ein. Und sie scheuen sich nicht, mir diese mitzuteilen.
„Du bekommst Panik, weil plötzlich eine Baustelle auftaucht? Du willst dich wichtig machen.“ – Nein.
„Du reagierst nicht, wenn ich traurig aussehe? Du bist gefühllos.“ – Nein!
„Du triffst dich nicht so oft mit deinen Freunden? Du bist ein sozial gestörter Einzelgänger.“ – NEIN!
Und ihr Verständnis wird auch nicht besser, wenn sie von meiner Diagnose hören:
„Du siehst nicht so aus, als wärst du Autist.“
Katharina Gebauer, Q 12